Wenn Skispringer singen: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“

In rund einem Monat beginnt im sächsischen Klingenthal die neue FIS-Weltcup-Saison der Skispringer, an einem beschaulichen, ländlichen Ort. Klingenthal hat knapp 8000 Einwohner, doch in der Vogtland-Arena werden bis zu 30.000 Interessierte den Stars der Szene zujubeln. Klingenthal ist ein neuer Ort für das „Opening“, zuvor war es Kuusamo in Finnland und Lillehammer in Norwegen. Doch da wie dort gab es ein Problem: Die Tribünen waren nicht gefüllt, geschweige denn überfüllt.

Und das ist es, auf was es im Spitzensport auch ankommt: auf Atmosphäre in den Stadien, die sich via TV in die Wohnzimmer der Sportbegeisterten übertragen lässt und diese dazu animiert, das nächste Mal doch wirklich „ganz live“ dabei zu sein – und nicht nur „live“ vor dem Fernseher.

Große Menschenmassen können eher dort motiviert werden, wo noch größere vorhanden sind: in den Metropolen. So arbeiten die Experten des Internationalen Skiverbandes schon seit geraumer Zeit an der Idee, mit dem Skispringen in Fußballstadien zu gehen. „Eine temporäre Normalschanze könnte ohne weiteres in eine Arena hineinkonstruiert werden“, erklärt Renndirektor Walter Hofer, der an Warschau, Berlin oder Moskau denkt und bereits einige Lokalaugenscheine vorgenommen hat. Von Walter Hofer stammt übrigens auch der Ansatz, dass ein Skispringen nicht länger als 90 Minuten dauern dürfe: „Dies ist eine Zeitspanne, in der das Interesse des Zuschauers hoch gehalten werden kann.“

Vorgabe des Internationalen Skiverbandes ist, dass auf Schnee gelandet werden muss. Ist dieses Kriterium gegeben, kann der Wettbewerb als Weltcup-Veranstaltung gewertet werden. Das ist mit den aktuellen Herstellungsmöglichkeiten des weißen Gutes kein Problem. Den Einwurf, dass es auf kleinen Schanzen nicht so weit gesprungen werden kann und dass deswegen das Interesse, nun ja: überschaubar ist, lässt Hofer schon längst nicht mehr gelten. „Wir haben auf Normalschanzen mit der Weltelite Konkurrenzen durchgeführt, von denen man in der Szene heute noch spricht, in Hinzenbach in Österreich beispielsweise. Weite Sprünge sind nicht das einzige Kriterium für spannende Wettkämpfe.“

Doch zurück zu den Stadien. Die Biathleten machen es mit einem beachtenswerten und erfolgreichen Event „Auf Schalke“ bereits vor, dass Fußball-Arenen auch sportlich anderweitig verwendet werden und nicht nur der Jagd nach dem runden Leder und Mega-Konzerten für Madonna, Bon Jovi oder Justin Biber dienen können.

Mal angenommen, das Experiment funktioniert. Wenn in einem Jahr der FIS-Skisprung-Weltcup 2014/2015, sagen wir: in Warschau eröffnet werden würde, die rund 50.000 Zuschauer das Nationalstadion Kazimierz Górski füllen und den „local heros“ ebenso wie den Österreichern, Deutschen, Slowenen, Norwegern und anderen zujubeln, dann eröffnet sich für die Sportart vielleicht keine neue, aber dennoch zusätzliche Dimension. Was in Warschau im Fußballstadion funktioniert, könnte theoretisch auch im Candlestick Park der San Francisco 49ers oder im Yankee Stadium von New York funktionieren. Sicher, die Schanzen wären gewaltiger, Auf- und Abbauarbeiten länger, doch auch die Zuschauerzahlen und der Showfaktor größer.

Als „Monumente der Unvernunft“ bezeichnete der Schweizer Walter Steiner zu seiner Zeit als Aktiver in den 1970er Jahren Skiflugschanzen; auch Großschanzen gibt es mehr, als der internationale Wettkampfkalender verträgt. Ob die Olympia-Anlage in Sochi nach dem Großereignis im Februar 2014 jemals einen Weltcup beherbergt, sei dahingestellt. Andererseits wird die Welt regelmäßig mit einer Flut von neuen Fußballstadien beglückt, die nach den Großevents entweder nicht mehr gefüllt werden können oder zurückgebaut werden müssen. Oder einfach als unbeachtete Denkmäler in der Landschaft verbleiben. Dafür muss man gar nicht nach Brasilien oder Katar blicken, es reicht Österreich. In Kärnten wurde für die Europameisterschaft 2008 das Wörtherseestadion in Klagenfurt neu erbaut, mit einer Kapazität von 32.000 Plätzen. Es hätte verkleinert werden sollen, wurde es dann aber doch nicht. Und ist nun ein „Monument der Unvernunft“ des österreichischen Fußballsports.

Wenn derzeit Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes, gar nicht so gut auf seinen Schweizer Landsmann Sepp Blatter, Präsident der FIFA, zu sprechen ist – dieser will ja mit der WM 2022 in Katar in den Winter rutschen -, so wäre ja, augenzwinkernd, ein Lösung schnell gefunden: Skispringen und Fußball nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu vereinen!


Egon Theiner, Kommunikations Spezialist
 

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