Karriere-Interview mit Dr. Tamara Thomsen über ihren Weg als Sportpsychologin in der Sportindustrie

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Tamara

Frau Dr. Thomsen, begonnen haben Sie mit zwei Ausbildungen im sozialen Bereich und studierten im Anschluss pädagogische Psychologie an der Universität Hildesheim. In diesem Gebiet erwarben Sie Ihren Doktortitel sowie zahlreiche Preise. Außerdem sind Sie als Autorin diverser Bücher und als Powerlifterin des deutschen Nationalteams bekannt. Derzeit belegen Sie eine weitere Ausbildung in der Sportpsychologie.

Nun interessieren uns Ihre Beweggründe für eine Spezialisierung in der Sportpsychologie, wie Studieninteressierte sich die Ausbildung vorstellen können und in welchem Arbeitsbereich Absolventen nach der Ausbildung tätig werden können.  

Können Sie uns einen Einblick in Ihre bisherige Karriere geben und wie Sie zu Ihrer aktuellen Position gekommen sind?

Bereits während meiner Ausbildung interessierte ich mich sehr für die Psychologie, damals jedoch faszinierte mich insbesondere die Behandlung von psychischen Krankheiten. Mit dem Ziel künftig als Psychotherapeutin zu arbeiten begann ich mein Studium an der Universität Hildesheim, doch schnell weckten die Forschung und die Statistik ein noch viel größeres Interesse in mir. So kam es, dass ich bereits im Studium als studentische Hilfskraft Forschungsluft schnuppern durfte. Durch die Ermutigung und Förderung des Entwicklungspsychologieprofessors Werner Greve (der später mein Doktorvater wurde und in dessen Arbeitsgruppe ich noch heute arbeite) entschied ich mich nach meinem Studium gegen die Therapie und für die Wissenschaft im Bereich Entwicklungspsychologie. Ich bekam eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Hildesheim und arbeitete mit einer halben Stelle als Dozentin. In der übrigen Zeit führte ich mehrere Studien durch, durch die ich mehr darüber erfahren wollte, wie Kinder und Jugendliche lernen effektiv und gesund mit Stress und Belastungen umzugehen – ein bis heute wenig erforschtes und sehr spannendes Thema. Nach vier Jahren schloss ich meine Promotion mit „summa cum laude“ ab. Mittlerweile arbeite ich in Vollzeit an der Uni Hildesheim in Lehre und Forschung. Im Sommersemester 2016 steht mir eine neue Entwicklungsaufgabe bevor: Erstmals werde ich eine Vetretungsprofessur an der Universität Witten / Herdecke übernehmen.

Wann haben Sie beschlossen eine Karriere in der Sportpsychologie anzustreben und aus welchen Beweggründen?

Schon während meines Studiums, mit wachsender Kenntnis der Psychologie, begann ich mich für die Sportpsychologie zu interessieren. Wie sportliche Leistungen durch Training psychischer Prozesse (z.B. der Konzentrationsfähigkeit) noch weiter optimiert werden können oder wie leistungshinderliche Kognitionen oder Emotionen ausfindig gemacht werden können – Antworten darauf kann die Sportpsychologie geben. Nicht nur das hier deutlich werdende Zusammenspiel von Körper und Psyche, sondern auch die klare Praxisrelevanz faszinierten mich. Sicher spielte dabei auch meine eigene Erfahrungsgeschichte eine wesentliche Rolle – als Tochter eines sportbegeisterten Vaters und Leistungsturners habe ich mein Leben lang Freizeit- sowie Leistungssport betrieben, so dass er heute nicht  nur einen wesentlichen Teil meines Lebens sondern auch meiner Person ausmacht. Während meiner Promotion blieb jedoch für eine sportpsychologische Ausbildung keine Zeit, so dass ich diesen Wunsch hinten anstellen musste. Heute, anderthalb Jahre nach der Promotion, erfülle ich mir diesen Wunsch und befinde mich nun in einer Weiterbildung zur Sportpsychologin. Neben meiner oft sehr theoretischen Arbeit an der Universität möchte ich die Sportpsychologie vor allem dazu nutzen praktisch mit Sportlern zu arbeiten und sie dabei unterstützen, ihr sportliches Potential voll auszuschöpfen.

Wie kann man sich die Ausbildung vorstellen und welche Voraussetzungen benötigen Interessenten?

Für die Weiterbildung zum Sportpsychologen oder sportpsychologischen Experten ist ein abgeschlossenes Studium der Psychologie oder der Sportwissenschaften Voraussetzung. Die theoretische Ausbildung findet berufsbegleitend in mehreren Blöcken statt. Anschließend erfolgt die praktische Ausbildung in der ein Leistungssportler oder eine Mannschaft über einen vorgegebenen Zeitraum sportpsychologisch betreut werden soll. Diese sportpsychologische Betreuung wird gemeinsam mit weiteren in diesem Fach ausgewiesenen Menschen reflektiert. Die Ausbildung schließt mit der Abgabe einer umfassenden Abschlussberichtes ab. Mittlerweile gibt es jedoch auch einige Universitäten, die einen Master of Science in Sportpsychologie anbieten, der nach einem Bachelorstudium der Psychologie begonnen werden kann.

Was können Absolventen der Sportpsychologie von einer Karriere in der Sportindustrie erwarten und welche Möglichkeiten gibt es nach der Ausbildung?

Nach der Ausbildung wartet insbesondere die praktische Arbeit mit Einzelsportlern oder Mannschaften auf den Sportpsychologen. Die Zielgruppe sind in erste Linie Leistungssportler, bei denen es primär um die Optimierung der Leistungsfähigkeit geht. Die Gründe einer sportpsychologischen Betreuung können vielfältig sein: Möglicherweise sollen ungünstige Gruppendynamiken in einer Mannschaft aufgedeckt werden, manchmal geht es um die Verbesserung der Fokussierungsfähigkeit, ein anderes Mal steht vielleicht die Identifizierung leistungshinderlicher Gedanken oder das Thema Motivation im Vordergrund. Gewiss ist aber auch eine Arbeit in einem stärker gesundheitspsychologisch ausgerichteten Arbeitsfeld denkbar, wie z.B. in Reha-Kliniken oder Krankenhäusern. Sportpsychologen ersetzen jedoch nicht die Arbeit von Psychotherapeuten, so ist beispielsweise beim Vorliegen von Depressionen oder Essstörungen die Überweisung an einen ausgebildeten Psychologischen Psychotherapeuten unumgänglich.
 
Können Sie uns kurz erzählen, worum es beim Powerlifting geht? Welche primären Fähigkeiten/ Eigenschaften als Athletin sind auf die Karriere in der Sportpsychologie übertragbar?

Das Powerlifting (Kraftdreikampf) ist eine Kraftsportart und besteht aus den drei Disziplinen Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben. In jeder Disziplin soll das größtmögliche Gewicht mittels einer Langhantel regelkonform bis zur jeweiligen Endposition bewegt werden. Im Wettkampf stehen dazu pro Disziplin jeweils drei Versuche zur Verfügung. Die Wertung erfolgt dabei anhand eines Regelwerkes durch ein Drei-Mann-Kampfgericht. Platzierungen werden innerhalb verschiedener Gewichtsklassen, für Frauen und Männern getrennt und pro Einzeldisziplin sowie für den Totalwert vergeben. Powerlifting im Bundesverband Deutscher Kraftdreikämpfer ist vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) anerkannt, und bereits ab Bezirksebene werden Dopingkontrollen durch die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) durchgeführt.

Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit und Ehrgeiz sind notwendig, um im Training dabei zu bleiben, im Wettkampf Kampfgeist zu zeigen, aber auch um das Ziel bei Niederlagen nicht aus den Augen zu verlieren. Disziplin und Gewissenhaftigkeit helfen außerdem dabei, sich auf einen Wettkampf optimal vorzubereiten. Die Fähigkeit, seine Konzentration gezielt auf relevante Reize auszurichten sowie ein angemessenes körperliches und psychisches Aktivierungsniveau herzustellen ist notwendig, wenn es um den Abruf von trainierten Leistungen im Wettkampf geht. Darüber hinaus spielt ein konsequentes Gesundheits-verhalten im Alltag, wie z.B. gesunde Ernährung, genügend Regenerationsphasen und ausreichend Schlaf eine wichtige Rolle, um fit und leistungsfähig zu sein und auch zu bleiben. All diese Fähigkeiten helfen sicherlich auch auf den Wegen der beruflichen Weiterentwicklung: Wer ehrgeizig und gewissenhaft arbeiten kann, sich auf zentrale Aufgaben konzentrieren kann und Hürden mit Kampfgeist und Durchhaltevermögen meistert, kann auch die Ziele erreichen, die er sich vornimmt.

Wer ist Ihr größtes Vorbild aus dem Bereich Sportpsychologie oder aus der Sportindustrie und warum?

Es gibt viele, ganz alltägliche und nicht populäre Menschen die mich inspirieren, weil sie ihren Lebenswegs auf eine Ihnen ganz besondere Art und Weise meistern. Ich bin überzeugt, dass man von jedem Menschen etwas lernen kann, auch, wenn sich dies nicht auf den ersten Blick erschließt. Meiner Meinung nach kann daher jeder Mensch auf seine Weise ein Vorbild sein – seine ganz bestimmten Verhaltensweisen oder Eigenschaften können dabei helfen, eigene Besonderheiten und Kompetenzen zu entdecken, neue zu entwickeln und diese zu einem individuellen Profil herauszuarbeiten.

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihr Engagement zum Interview mit GlobalSportsJobs.

Wir wünschen Ihnen alles Gute!

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