An der Seitenlinie zu Hause von Frank Heike (Teil 2)

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Dribbeln und Tricksen

Beim Training fressen ihnen die Kinder aus der Hand. Die Inhalte sind ambitioniert und oft sehr elaboriert für kleine Köpfe, die schon in der Schule mit viel Neuem gefüllt worden sind. Die Schule endet für die meisten erst um 16 Uhr. Danach geht es anspruchsvoll weiter. Werner und Trimborn lassen sehr viel „Funino“ trainieren. Das ist eine Kleinfeldform mit dem Spiel Drei-gegen-drei auf vier Tore (siehe Infofläche). Hinzu kommen koordinative Übungen und immer wieder das Eins-gegen-eins, Dribbeln, Tricksen, Zweikämpfe. „Unsere Kinder können gut Fußball spielen, aber sie trauen sich noch nicht so viel. Sie sind einfach sehr lieb. Aber Fußball ist nun einmal ein Kontaktsport“, sagt Trimborn. Fast immer, wenn die Gegner es mit dem Kontakt-sport wörtlich nahmen, setzte es Niederlagen. Aber es gibt auch Beispiele, in denen das schönere Spiel das robustere besiegte. Das müssen Sternstunden für die beiden Trainer sein.

Beim Üben auf dem Kunstrasenplatz hinter den Hochhäusern wird gescherzt, gelacht und auch mal geweint. Dabei ist Werner der Strenge, Trimborn der Liebe. Alle lechzen nach Lob und Aufmerksamkeit. Die Jungen haben viel Respekt vor ihren Trainern. Das muss so sein. Denn den beiden ist es bei aller Leichtigkeit durchaus ernst. Trimborn sagt: „Wir wollen Leistungssport betreiben, der Spaß macht.“ Wer nur ein bisschen kicken will, ist bei ihnen falsch. Beide haben auch beruflich genug zu tun, Trimborn als Industriekaufmann im Beleuchtungsbereich bei Philips, Werner als Chef eines Malerbetriebs. Der Zeitplan ist eng getaktet, sodass ihnen ein bisschen Bewegungstherapie wie ein Raub ihrer kostbaren Freizeit vorkäme. Werner sagt: „Wir wollen keine Bundesligatrainer werden. Wir wollen die Kids fördern. Aber mit Anspruch und Niveau. Dabei gehören Fehler zur normalen Entwicklung des Kindes.“ Es hilft ihnen bei der Arbeit mit der Mannschaft, dass sie beide Väter sind.

Rollen und Passen

Das Trainerteam hat beim vormaligen Verein erlebt, was mit zielorientiertem Training möglich ist. Sie wollen einen gepflegten Fußball, der – etwas hoch gegriffen – der Spielidee der Nationalmannschaft folgt. Das heißt: Der Ball wird von hinten heraus gepasst. Der Torwart rollt den Ball ab oder passt ihn. Er soll nicht nach vorn gebolzt werden. Zeitspiel ist verpönt. Tore mit der Picke sind unerwünscht. Doch mit dem planvollen Spiel ist das so eine Sache bei Siebenjährigen. Es fehlt an Passhärte und Passgenauigkeit, und die meisten Gegentore resultieren aus der Fehleranfälligkeit im Aufbau. Simon Werner sagt: „Wir sind früher belächelt worden wegen unserer Art, alles spielerisch zu lösen. Aber das zahlt sich später aus. Es ist doch eine Ausbildung zum Fußball, keine zum Ergebnissport.“ Dazu gehört für sie auch, dass jeder Spieler auf jeder Position spielt. Und wenn sich der kleinste und schmächtigste die Handschuhe greift, geht er eben ins Tor. „Bei uns nehmen alle am Spiel teil. Wenn dauerhaft nur 50 Prozent der Mannschaft beschäftigt sind, verlieren sie die Lust am Fußball“, sagt Werner.

Am Spielfeldrand haben die beiden viel erlebt. Trainer, die mit Zigarette im Mundwinkel und Bierdose in der Hand coachen, Trainer, die permanent reinbrüllen, den Gegner verunglimpfen und auch die eigenen Jungs anschreien. „Im normalen Breitensport hofft man, auf normale Trainer zu treffen“, sagt Simon Werner, „aber die meisten Vereine haben einen Mangel an vernünftigen Persönlichkeiten. Für uns gilt, dass wir mit unseren Mannschaften nicht um jeden Preis gewinnen wollen.“ Auch anspruchsvolle Eltern, die sich über fehlende Einsatzminuten ihrer Sprösslinge beschweren, kennen sie. Deshalb wird über Trainingsbesuche und Spielzeiten Buch geführt.

Ans Herz Gewachsen

Was hält die beiden Familienväter in ihrem Ehrenamt? Immer Fußball: samstagmorgens um 8.15 Uhr irgendwo im Speckgürtel Hamburgs, sonntags zur Mittagszeit in einer stickigen Schulturnhalle, den ganzen Winter über bei Wind und Wetter draußen im Training. „Ich bin mit dem Fußball aufgewachsen. Ich finde es toll, Kindern etwas beizubringen“, sagt Simon Werner. „Sie schauen zu dir auf, sie wachsen dir ans Herz.“ Sein Freund und Kollege Sven Trimborn sagt: „Weil es uns Spaß macht. Wir haben Fußballerblut im Körper. Wir leben dafür.“ Es klingt kein bisschen kitschig.

Fairplayliga

Seit 2013 spielen die sechs bis acht Jahre alten Kinder in ganz Deutschland nach den Regeln der FairPlayLiga Fußball. Es gibt keine Schiedsrichter, sie entscheiden selbst über Foul, Handspiel, Einwurf oder Eckball. Die Trainer sollen sachlich und einvernehmlich coachen. Die Eltern müssen 15 Meter Abstand vom Spielfeld einhalten, Einmischen unerwünscht. Hintergrund dieses 2007 vom Aachener Jugend-trainer Ralf Klohr erdachten Konzepts war zum einen das Fehlverhalten von Eltern und Trainern schon in den jüngsten Altersklassen. Zum anderen sollen die psychosozialen Kompetenzen der Kinder gefördert werden. Auch fehlten oft Schiedsrichter. Viele Jugendtrainer sehen die Spielform grundsätzlich positiv – mit einer entscheidenden Ausnahme: „Die FairPlayLiga ist schön und gut, aber einer sollte das Spiel begleiten und entscheiden“, sagt Sven Trimborn, erfahrener Jugendcoach in Hamburg. Ihm fehlt der Schiedsrichter, denn oft setze sich beim FairPlay-Fußball im Zweifelsfall der Unfaire durch, und der Faire sei der Dumme.

Funino

Jeder trifft, jeder verteidigt – beim Funino (aus Fun und Nino, Spaß und Kind) machen alle alles. Es spielen drei gegen drei auf vier Tore, jedes Team hat zwei Tore zu verteidigen und zwei zum Angreifen. Das Feld hat Basketball-Feldgröße. Die Tore ähneln Eishockey-Toren. Es gibt keine Torhüter, keine Schiedsrichter, und wenn die Überlegenheit einer Mannschaft zu groß ist, darf das unterlegene Team einen vierten Spieler bringen. Vor mehr als 30 Jahren erfand der frühere Hockey-Trainer Horst Wein diese Spielform, die besonders in Spanien beliebt und Grundlage des von Iniesta und Xavi geprägten Tiki-Taka ist. Seit etwa fünf Jahren wird Funino auch in Deutschland gespielt; so trägt der FC St. Pauli im Sommer jedes Wochenende große Funino-Turniere aus. Sieger werden nicht gekürt, keine Pokale verliehen. Die sechs bis neun Jahre alten Kicker lernen freilaufen, passen, dribbeln und sie bekommen durch Funino mehr Spielübersicht. Alle nehmen am Spiel teil, und auch Fußballer, die im klassischen Spiel nie Tore schießen, sind hier garantiert erfolgreich.

Der originale Artikel ist in der Dezember Ausgabe von „Sportdeutschland - das Magazin des Deutschen Olympischen Sportbundes“ erschienen. Der erste Teil des Artikels wurde letzte Woche auf GlobalSportsJobs publiziert.

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