"Wir sind sehr spät aufgewacht"

sponsor news im Interview mit Alexander Jobst, Marketingvorstand des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, über Wachstumschancen des Clubs - und Katar.

Alexander Jobst

2005 war der Deutsche Alexander Jobst der erste Ausländer im Management des spanischen Topclubs Real Madrid. Zwei Jahre später wechselte er zum Weltfußballverband Fifa nach Zürich, als neuer "Head of Sales" für Sponsoring und Lizenzen. Vier Jahre später, 2011, ist er Marketingvorstand beim FC Schalke 04. Ein sehr sympathischer
Mensch, so unser Eindruck bei unserem Gespräch in einem Münchner Luxushotel. Eine Topkarriere auf die freundliche Tour. Und er sagt - auch nicht üblich in der Sportbranche - recht offen seine Meinung. Über die Internationalisierung von Schalke 04 und der DFL ("Wir sind sehr spät aufgewacht"), aber auch über die WM 2022 in Qatar ("Die Konsequenzen für die Fußball- Ligen und Vereine sind dramatisch"), und zu einem Mit-Grund für seinen Abgang aus der Machtzentrale Fifa: "Die WM-Vergabe an
Qatar hat mich veranlasst, nachzudenken." Folgend der 1. Teil des Interviews:

sponsor news: Schalke 04 kommt auf 215 Mio. Euro Umsatz. In welchem Bereich steckt künftig das größte Entwicklungspotential, bei den Sponsoren, den TV-Rechten, Tickets und Merchandising?

Alexander Jobst: Großes Potential sehen wir in allen genannten Bereichen
mit Ausnahme des Ticketings. Der FC Schalke 04 ist in einer strukturschwachen Region beheimatet, wir tragen demnach eine soziale Verantwortung gegenüber unseren Fans und werden die Preisschraube für Tickets nicht überdrehen. Für uns ist es von großer Bedeutung, auch in Zukunft in einer ausverkauften Veltins Arena zu spielen, die Atmosphäre hat nicht nur eine besondere Wirkung auf alle Beteiligten, sondern am Ende auch auf die Attraktivität des Vereins. Die Entwicklung im Bereich der TV-Einnahmen, im Sponsoring und im Merchandising sind natürlich auch
verknüpft mit sportlichem Erfolg. 

sponsor news: Was tut FC Schalke in puncto Internationalisierung?

Jobst: Wir haben kürzlich unsere Internationalisierungsstrategie
verabschiedet. Nur so viel: Es erfordert zunächst eine interne Überzeugung im Verein, diesen Weg gehen zu wollen, daraus leitet man Kernmärkte und Maßnahmen ab, die sukzessive in den nächsten Jahren umgesetzt werden. Als Beispiele seien Sponsorenakquise, Freundschaftsspiele, Club Media
Projekte, Fußballschulen und Online- Merchandising-Stores genannt. Natürlich wirkt sich das mittelfristig auf der Einnahmenseite positiv aus. So sind wir der erste Verein in der Bundesliga mit zwei chinesischen Milliardenkonzernen (Hisense und Huawei) als langfristige Premiumpartner. Für uns ein Meilenstein in der Außenwirkung, denn es zeigt einerseits die Überzeugung solcher Unternehmen, in die Bundesliga und Vereine zu investieren sowie andererseits das Profitieren in beide Richtungen: Die chinesischen Sponsoren aktivieren ihr Engagement mit Schalke 04 in China, wir unterstützen sie beim Markenaufbau in Europa.

sponsor news: Können die deutschen Spitzenteams im Ausland überhaupt etwas "reißen"?. Man kennt sie vor allem in Asien - im Vergleich zu ManU, Real Madrid und Barca - fast nicht?

Jobst: Natürlich sind uns internationale Top-Clubs weit voraus, insbesondere in puncto weltweite Fanreichweite. Doch ich merke täglich in unserer Arbeit und im internationalen Netzwerk: Die Bundesliga ist inzwischen ein absolutes Premiumprodukt für alle Stakeholder; folgerichtig sehen die Top-Vereine inzwischen Notwendigkeit und Potential in der Auslandsvermarktung. Durch die wachsende internationale TV-Distribution durch die DFL ist die Bundesliga heute wesentlich präsenter als noch vor einigen Jahren. Ich bin überzeugt, dass wir mit der DFL auf dem richtigen
Weg sind - behutsam, aber stringent, professionell und erfolgreich.

sponsor news: Selbst der größte deutsche Club - FC Bayern München
- hat in China nur 1 % Bekanntheit, ManU liegt bei 12 %. Was kann man da künftig bewegen?

Jobst: Ich möchte keine Prozente anderer Clubs kommentieren. Fakt ist:
Die deutschen Top-Vereine - und dazu zähle ich selbstverständlich Schalke
04 - sind sehr spät aufgewacht im Feld der Internationalisierung. Real
Madrid reist seit 20 Jahren um die Welt und tätigt zahlreiche Projekte.
Nun liegt es an uns Vereinen und der DFL, dass wir effizienter arbeiten,
um die Schere zwischen Weltmarken wie Real Madrid, Manchester United,
Juventus, Barcelona und den deutschen Top-Vereinen zu verkleinern.
Die Professionalität der Bundesliga wird weltweit geschätzt, keine Frage. Daraus müssen wir in den nächsten Jahren Ergebnisse erzielen.

sponsor news: Schalke 04 ist eine Ruhrpott-Ikone. Kann man dieses
Image überhaupt in Einklang mit einer stärkeren internationalen Ausrichtung
durchhalten?

Jobst: Selbstverständlich. Tradition, Erfolg sowie eine einzigartige Fanbasis
mit Zusammenhalt und Leidenschaft. Dazu das Image des Kumpel
& Malocher Clubs. Das sind Werte, die bei internationalen Partnern sehr
gut angenommen werden. Es findet bei mir im Büro kein Gespräch mit
Gästen aus dem Ausland und Erstkontakt zu Schalke 04 statt, in dem
wir nicht zuerst den Verein und seine Werte näherbringen. Die Einzigartigkeit
unseres Vereins kann uns stolz machen, das kommt an im Ausland!

sponsor news: Wie könnte Schalke 04 regional denn noch Umsätze
generieren. Vielleicht mit einem Schalke-04-Hotel oder einem
"Schalke-Vergnügungspark"? 

Jobst: Lokal und regional werden wir kaum Steigerungen erzielen können.
Wenn Sie das Ruhrgebiet mit Metropolen wie Hamburg, München oder
Frankfurt vergleichen, dann liegt es doch auf der Hand, dass der FC Schalke 04 überregional und international agieren muss. Im Sponsoring
und im Retail-Geschäft liegen neben der internationalen TV-Verwertung
weiter die Potentiale für die Zukunft. Wir halten im Markt die Augen auf
und sind offen für Innovationen...

sponsor news: ...ein Beispiel bitte...

Jobst: Ok: Seit 3 Monaten setzen wir mit "Schalke-Bonus" ein sehr erfolgreiches Fan-Loyalty Progamm um. Wir haben in kurzer Zeit knapp 70.000 Fans als Teilnehmer gewinnen können. Das Programm ermöglicht uns eine noch engere Bindung und Ansprache zu unseren Mitgliedern und Fans, die durch Fanprämien belohnt werden für ihr Engagement beim Verein. Zeitgleich ist es für uns ein sehr effizientes CRM-Tool. Generell gilt in unserer Arbeit: Wir werden uns auch in Zukunft auf das konzentrieren, was wir als Fußballverein können: Erfolgreichen Fußball spielen. In anderen
Worten: Ich halte nichts von eigenen Hotels oder Restaurants. Solche
Modelle können als Lizenzgeschäfte funktionieren in Zusammenarbeit
mit Experten auf diesem Gebiet. Bei einem Eigenbetrieb des Vereins wären
sie wenig erfolgsversprechend. 

sponsor news: Was halten Sie von der neuen "Bwin ManU-App", bei
der der Club als erster Fußball-Verein selbst eine Wetten-App anbietet?

Jobst: Ein neuer Weg in der Vermarktung. Innovativ und interessant. Wir
werden uns das genau anschauen...." (Teil 2 des Jobst-Interviews lesen Sie im April-Heft von sponsor news).

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